Eine Quasselstrippe ohne Worte

Oder: Wie ich in Korea gelernt habe, auch ohne Sprache zu kommunizieren

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine alte Quasselstrippe bin. Ich rede gerne. Viel. Manchmal wahrscheinlich auch zu viel. Kommunikation ist meine Love Language, wenn man so will. Sie ist für mich der wichtigste Weg, mich mit anderen Menschen zu verbinden. Ich liebe es, in geselliger Runde lustige Geschichten und Begegnungen zum Besten zu geben. Ich komme mit Menschen im Fahrstuhl ins Gespräch, im Wartezimmer oder an der Supermarktkasse. Ein kleines Kompliment hier, ein lockerer Spruch da. Mittlerweile sind es wahrscheinlich eher peinliche Dad Jokes, aber damit kann ich leben. Hauptsache, jemand lacht. Und wenn es nur aus Höflichkeit ist. 😉

Aber Kommunikation bedeutet für mich natürlich viel mehr, als andere Menschen zu unterhalten. Wenn ich Sorgen oder Kummer habe, muss ich darüber sprechen. Wenn mich etwas beschäftigt, möchte ich meine Gedanken teilen. Und wenn ich mich missverstanden fühle, erkläre ich mich. So lange, bis ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber wirklich verstanden hat, was ich sagen wollte. Das kann durchaus anstrengend sein. Für beide Seiten. Ich schreibe Journal, führe Reisetagebücher und schreibe diesen Blog. Irgendwie muss das, was sich in meinem Kopf den ganzen Tag so rumgeistert, schließlich raus.

Und dann ziehe ich ausgerechnet nach Korea. In ein Land, dessen Sprache ich nicht beherrsche. Das muss man sich mal vorstellen. Da steht eine Nine, die normalerweise mit jedem ins Gespräch kommt, und bekommt plötzlich kaum noch einen vernünftigen Satz heraus. Ich kann nicht einfach einen lustigen Kommentar machen, wenn ich etwas beobachte. Ich kann nicht spontan jemanden ansprechen, weil mir gerade etwas Nettes eingefallen ist. Ich kann meine Wünsche nicht so formulieren, wie ich es gerne würde. Und wenn mir etwas nicht passt, wird es richtig schwierig. Von einer ordentlichen Diskussion oder gar einem Streit ganz zu schweigen. Wobei ich mittlerweile hervorragend auf Koreanisch fluchen kann. Man muss eben Prioritäten setzen. 😀

Natürlich lerne ich Koreanisch. Aber zwischen „Ich hätte gerne einen Kaffee zum Mitnehmen“ und einem Gespräch, in dem man seinen Humor, seine Gefühle und seine Gedanken wirklich ausdrücken kann, liegen Welten. Mein Englisch hilft mir auch nicht immer weiter. Es ist ausbaufähig, um es freundlich auszudrücken. Und das Englisch meines Gegenübers ist häufig ebenfalls recht begrenzt. Ich merke, wie sehr mich das manchmal in meiner Persönlichkeit einschränkt. Denn ich bin ja nicht plötzlich ein anderer Mensch geworden. Die Gedanken sind noch da, die Geschichten auch, und die dummen Sprüche sowieso. Sie finden nur nun nicht immer den Weg nach draußen.

In Korea spielen Persönlichkeitstypen beim Kennenlernen eine erstaunlich große Rolle. Neben der Frage nach dem Alter begegnet einem, besonders bei jüngeren Menschen, ziemlich schnell die Frage: „What’s your MBTI?“ MBTI steht für Myers-Briggs Type Indicator, einen Persönlichkeitstest, der Menschen anhand verschiedener Eigenschaften in 16 Typen einteilt. Wissenschaftlich ist das Ganze durchaus umstritten, aber hier ist es ein beliebtes Gesprächsthema. Ich bin übrigens ENFP-T. Extrovertiert, intuitiv, gefühlsbetont, flexibel und natürlich turbulent. Wen überrascht’s? Eine meiner angeblichen Stärken wird folgendermaßen beschrieben: „Ihre aufrichtige und authentische Ausdrucksweise sorgt dafür, dass Ihre Aussagen einen tiefen Eindruck hinterlassen.“ Na wunderbar. Da wird mir also bescheinigt, dass ausgerechnet meine Ausdrucksweise eine meiner größten Stärken ist, und dann lebe ich in einem Land, in dem ich mich kaum ausdrücken kann. Ein bisschen Ironie hat das schon.

Aber zum Glück findet Kommunikation immer einen Weg. Körpersprache ist in vielen Teilen der Welt verständlich. Ein freundlicher Blick, eine offene Haltung oder ein herzliches Lächeln können unglaublich viel ausdrücken. Wobei man natürlich aufpassen muss. Nicht jede Geste bedeutet in jedem Land dasselbe. Was bei uns vollkommen harmlos ist, kann anderswo ziemlich unhöflich sein. Wer im Ausland lebt, sollte sich also durchaus mal anschauen, was er da eigentlich mit Händen und Füßen veranstaltet, bevor er im nächsten Fettnäpfchen landet. Ein strahlendes Lächeln ist dagegen etwas, mit dem ich bisher ziemlich gut durch die Welt gekommen bin.

Ich erinnere mich an eine Begegnung im Oktober 2023, also noch ganz am Anfang meiner Korea-Zeit. Ich lernte einen älteren koreanischen Herrn kennen, einen Harabeoji (할아버지). Wir unterhielten uns mithilfe eines Übersetzers. Irgendwann sagte er mir, dass er mein Lächeln wunderschön finde. In Korea sei es eher ungewöhnlich, fremde Menschen so offen anzustrahlen. Aber er empfinde das als eine sehr schöne Eigenschaft und ich solle dieses Lächeln niemals verlieren. Später schrieb er mir noch eine Nachricht. Er erinnerte sich an meine silbernen Haare und mein strahlendes Lächeln und schrieb, dass er unsere Begegnung als sehr herzlich und höflich empfunden habe. Er wünschte mir ein glückliches Leben in Korea und hoffte, dass wir uns irgendwann wiedersehen würden. Diese Nachricht habe ich bis heute aufgehoben. Ich finde sie aus einem ganz bestimmten Grund so schön: Dieser Mann hatte mich wahrgenommen. Nicht, weil ich ihm eine besonders interessante Geschichte erzählt oder mit einem geistreichen Spruch zum Lachen gebracht hatte. Wir konnten uns ja kaum miteinander unterhalten. Aber offenbar hatte ich ihm trotzdem etwas von meiner Persönlichkeit zeigen können.

Mit der Zeit habe ich außerdem etwas gelernt, das in Korea eine große Rolle spielt: Nunchi (눈치). Nunchi beschreibt vereinfacht die Fähigkeit, einen Raum zu lesen. Also wahrzunehmen, wie die Stimmung ist, was zwischen den Menschen passiert, welche unausgesprochenen Erwartungen es gibt und wie man sich in einer bestimmten Situation am besten verhält. Natürlich machen wir das in Deutschland auch. Aber in Korea ist mir viel bewusster geworden, wie wichtig diese kleinen, oft unausgesprochenen Signale im täglichen Miteinander sein können. Ich beobachte inzwischen viel genauer, wie Koreaner miteinander umgehen. Wie sie sich begrüßen, wie sie sich bedanken oder wie sie älteren Menschen begegnen. Und ich versuche, diese Gesten bewusst in meinen Alltag zu übernehmen. Wenn ich jemandem etwas mit beiden Händen überreiche, wenn ich mich mit einem kleinen Kopfnicken bedanke oder mich in einer Situation etwas zurückhaltender verhalte, dann sind das für mich nicht einfach nur auswendig gelernte Höflichkeitsregeln. Es ist meine Art zu zeigen: Ich sehe dich. Ich respektiere deine Kultur. Und ich bemühe mich, dir auf eine Weise zu begegnen, die du verstehst.

Und tatsächlich entstehen dadurch Verbindungen. Manchmal reicht eine kleine Geste und mein Gegenüber lächelt plötzlich. Vielleicht, weil es sich freut, dass ich mich mit den koreanischen Umgangsformen beschäftige. Vielleicht auch, weil es einfach nett ist, wenn sich jemand Mühe gibt. Ich glaube jedenfalls, dass ich mittlerweile auch ohne viele Worte ziemlich gut vermitteln kann, wer ich bin. Natürlich ersetzt ein Lächeln kein tiefgründiges Gespräch. Manchmal würde ich unglaublich gerne einfach drauflosreden, eine Geschichte erzählen oder mich über irgendetwas aufregen, ohne erst mein Handy zu zücken und den Übersetzer zu bemühen. Aber ich habe gelernt, dass Kommunikation viel mehr ist als das gesprochene Wort. Ich beobachte mehr, achte auf Kleinigkeiten und nehme manchmal Dinge wahr, die mir früher gar nicht aufgefallen wären. Und dabei versuche ich, mich auf dieses Land und seine Menschen einzulassen, ohne aufzuhören, ich selbst zu sein.

Ich bin immer noch die alte Quasselstrippe. Nur eben eine, die inzwischen auch mal ohne Worte auskommt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es manchmal vielleicht sogar ganz gut, dass die Menschen hier nicht alles verstehen, was ich so den lieben langen Tag von mir gebe. 😉

Eure Nine

A Chatterbox Lost for Words

Or: How I Learned to Communicate Without Speaking the Language in Korea

Anyone who knows me knows that I’m a bit of a chatterbox. I love talking. A lot. Sometimes probably a little too much. Communication is my love language, so to speak. It’s my favourite way of connecting with people. I love telling funny stories about things that have happened to me, especially when I’m sitting around with friends. I’ll happily strike up a conversation with someone in a lift, in a waiting room or at the supermarket checkout. A little compliment here, a silly joke there. These days, my jokes are probably getting dangerously close to embarrassing dad jokes, but I can live with that. As long as somebody laughs. Even if they’re only being polite. 😉

But of course, communication means much more to me than entertaining people. When I’m worried or upset, I need to talk about it. When something is on my mind, I want to share my thoughts. And when I feel misunderstood, I explain myself. And then explain myself some more, until I finally feel that the other person has understood what I was trying to say. That can be quite exhausting. For both of us. I keep a journal, write travel diaries and, of course, there’s this blog. Somehow, all the thoughts running around in my head all day have to find their way out.

And then, of all places, I move to Korea. A country where I don’t speak the language.

Just imagine that for a moment. Here’s a woman who normally chats to absolutely everyone, and suddenly she can barely put together a decent sentence. I can’t just make a funny comment about something I’ve noticed. I can’t spontaneously start a conversation because something nice or amusing has popped into my head. I can’t express my wishes the way I’d like to. And when something annoys me, things get really difficult. Never mind having a proper discussion or even an argument. Although, I must admit, I’ve become remarkably good at swearing in Korean. You have to get your priorities right. 😀

Of course, I’m learning Korean. But there’s a world of difference between saying, „I’d like a coffee to go, please,“ and having a conversation where you can really express your humour, feelings and thoughts. My English doesn’t always save me either. Let’s just say there’s room for improvement. And quite often, the person I’m speaking to isn’t particularly confident in English either. Sometimes I find this incredibly limiting. After all, I haven’t suddenly become a different person. My thoughts are still there, my stories are still there, and so are my terrible jokes. They just don’t always manage to make it out into the world.

In Korea, personality types are surprisingly important when people first get to know each other. Along with asking your age, especially among younger people, one of the questions you’re quite likely to hear is, „What’s your MBTI?“ MBTI stands for Myers-Briggs Type Indicator, a personality test that divides people into 16 different types. Its scientific validity is debatable, but in Korea it’s a very popular conversation starter. I’m an ENFP-T, by the way. Extraverted, intuitive, feeling, flexible and, of course, turbulent. Anyone surprised? One of my supposed strengths is described like this: „Your sincere and authentic way of expressing yourself leaves a lasting impression on others.“ Well, that’s just brilliant. Apparently, my ability to express myself is one of my greatest strengths, and here I am living in a country where I can barely express myself at all. There’s a certain irony in that.

Luckily, communication always finds a way. Body language can be understood in many parts of the world. A friendly look, an open attitude or a warm smile can say an incredible amount. Although you do have to be careful. Not every gesture means the same thing in every country. Something completely harmless at home might be rather rude somewhere else. So if you’re living abroad, it’s probably worth finding out what you’re actually doing with your hands and feet before accidentally putting your foot in it. A big, genuine smile, however, has served me pretty well wherever I’ve been.

I remember meeting an elderly Korean gentleman in October 2023, right at the beginning of my time in Korea. A harabeoji (할아버지), as you might call an older gentleman here. We communicated using a translation app. At one point, he told me that he thought my smile was beautiful. He said that openly beaming at strangers wasn’t particularly common in Korea, but he thought it was a wonderful quality and that I should never lose that smile. Later, he sent me a message. He remembered my silver hair and my bright smile and wrote that he’d found our meeting warm and polite. He wished me a happy life in Korea and hoped we’d meet again someday. I’ve kept that message ever since. I love it for one particular reason: this man had really noticed me. Not because I’d told him a fascinating story or made him laugh with a clever joke. We could barely have a conversation. And yet, somehow, I’d managed to show him a little of who I am.

Over time, I’ve also learned something that plays an important role in Korean culture: nunchi (눈치). Put simply, nunchi is the ability to read the room. To notice the atmosphere, understand what’s happening between people, pick up on unspoken expectations and recognise what’s appropriate in a particular situation. Of course, we do this in Germany too. But living in Korea has made me much more aware of how important these little, often unspoken signals can be in everyday life. I pay much closer attention to how Koreans interact with one another. How they greet each other, how they say thank you and how they show respect to older people. And I consciously try to adopt some of these gestures myself. When I hand something over with both hands, give a small nod to say thank you or behave a little more discreetly in certain situations, these aren’t just rules of politeness I’ve memorised. They’re my way of saying: I see you. I respect your culture. And I’m making an effort to connect with you in a way that makes sense to you.

And these little things really do create connections. Sometimes a simple gesture is enough to make someone smile. Perhaps because they’re pleased that I’ve made an effort to understand Korean customs. Or perhaps simply because it’s nice when someone tries. Either way, I feel that by now I’ve become quite good at showing people who I am, even without many words. Of course, a smile can’t replace a deep conversation. Sometimes I’d love nothing more than to just start talking, tell a story or complain about something without having to reach for my phone and open a translation app. But I’ve learned that communication is so much more than spoken language. I observe more, pay attention to little details and notice things I might never have noticed before. And through it all, I try to embrace this country and its people without losing who I am.

I’m still the same old chatterbox. Just one who’s learned to manage without words sometimes. And if I’m completely honest, perhaps it’s actually a good thing that people here don’t understand absolutely everything that comes out of my mouth all day long. 😉

Love, Nine

Kommentar verfassen