Zweieinhalb Wochen Deutschland

Als ich diesen Sommer in Frankfurt am Flughafen ankam, war mein erster Gedanke, ehrlich gesagt: Sind die Menschen hier eigentlich schon immer so groß gewesen? Wirklich. Alle waren riesig. Nach drei Jahren in Korea hatte sich mein Blick offenbar so sehr an koreanische Körpergrößen gewöhnt, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, durch ein Land voller Zweimetermenschen zu laufen.

Eine Stunde später stand ich am Frankfurter Bahnhof vor einer Bäckerei und starrte die Verkäuferin vermutlich ein bisschen zu lange an. Mein Gehirn suchte nämlich gerade verzweifelt nach der richtigen Sprache. Koreanisch? Nein! Englisch? Nein! Und dann fiel mir ein: Ach ja. Deutsch. Ich kann hier einfach Deutsch sprechen. Es sind genau diese kleinen Momente, an denen man merkt, dass man offenbar doch schon ziemlich lange woanders lebt.

Ich reichte meine EC-Karte mit zwei Händen über den Tresen oder legte, ganz koreanisch, die zweite Hand an meinen Arm. Gesten, über die ich längst nicht mehr nachdenke. Und ich verbeugte mich. Nicht richtig. Meistens ist es nur ein leichtes, kurzes, kaum sichtbares Neigen des Kopfes, das sich irgendwann unbemerkt in meinen Körper eingeschlichen hat. Im Koreanischen gibt es dafür sogar ein eigenes Wort: 목례 (mongnye). Eine kleine höfliche Verbeugung für all die Situationen, in denen eine richtige Verbeugung viel zu viel wäre. Für die Verkäuferin an der Kasse, für jemanden, den man im Vorbeigehen grüßt, für ein schnelles Danke oder Entschuldigung. In Deutschland fiel mir plötzlich auf, wie oft ich das eigentlich mache. Vielleicht gerade deshalb, weil es hier niemand erwidert. Vermutlich hat es auch niemand bemerkt. Mir fiel es aber auf.

Und dann passierte noch etwas anderes. Ich verstand plötzlich wieder alles. Jedes Gespräch am Nachbartisch. Die Frau hinter mir im Zug. Die Menschen an der Supermarktkasse. Das Paar im Café. Die Jugendlichen auf der Straße. Alles. Das klingt erst mal ziemlich angenehm. Und das war es natürlich auch, keine Frage. Endlich musste ich nicht mehr überlegen, wie ich mich verständlich machen kann. Ich konnte einfach fragen, erklären, Sonderwünsche äußern, einen Witz machen oder mich irgendwo einmischen, wenn ich wollte. Aber ziemlich schnell merkte ich auch: Es ist ganz schön anstrengend, wenn man plötzlich wieder jedes einzelne Gespräch versteht.

Und die Deutschen reden und meckern viel, muss man sagen. Der Zug (fair). Das Wetter (nicht zu ändern). Die Politik (vollstes Verständnis). Die Preise (heul). Der Nachbar (der Arme). Die Bedienung (die Arme). Irgendetwas ist eigentlich immer. Wobei ich fairerweise dazusagen muss: Vielleicht meckern Koreaner genauso viel. Ich verstehe es nur einfach nicht. Und möglicherweise ist genau das einer der unterschätzten Vorteile davon, in einem Land zu leben, dessen Sprache man nur begrenzt beherrscht. Man hat erstaunlich viel Ruhe, muss ich sagen. Bestimmt auch, weil man in Korea im Zug, in der U-Bahn oder im Bus einfach nicht redet. Aber generell reden Koreaner viel lieber über Essen, und in Bars und Kneipen wird viel und gerne gelacht.

Was mir ebenfalls ziemlich schnell auffiel, waren die Preise. Essen gehen, Kaffee trinken, mal eben irgendwo etwas bestellen: Deutschland war deutlich teurer geworden, als ich es in Erinnerung hatte. Nach Korea, wo Essen außer Haus so selbstverständlich zu meinem Alltag gehört, musste ich mich daran erst mal wieder gewöhnen. Und trotzdem dauerte es nicht lange, bis etwas anderes passierte: Deutschland fühlte sich gut an. Vor allem Leipzig.

Ich fuhr mit dem Roller durch den Auwald von Schleußig Richtung Innenstadt und dachte plötzlich wieder daran, wie unglaublich viel Natur in dieser Stadt eigentlich einfach so herumliegt. Wald, Flüsse, Parks. Der Cospudener See, an dem sich ein Nachmittag im Sommer sofort ein bisschen wie Urlaub anfühlt. Natürlich habe ich in Seoul auch Natur, sogar sehr viel. Ich kann auf Berge steigen, ohne die Stadt überhaupt wirklich zu verlassen. Aber es ist eben eine andere Art von Natur. Nicht besser. Nicht schlechter. Einfach anders.

Und dann waren da meine Freunde. Fast jeden Tag traf ich jemanden. Menschen, die ich seit zehn oder fünfzehn Jahren kenne. Manche seit fünfundzwanzig. Einen Freund kenne ich sogar schon seit meinem sechzehnten Lebensjahr. Das sind Menschen, denen ich gar nicht erst erklären muss, wer ich früher einmal war. Sie wissen es einfach. Sie kennen Versionen von mir, die lange vor Korea existiert haben. Manche kennen mich als Schülerin, als Studentin, als junge Mutter, als Ehefrau, als Kollegin, als die Frau, die ich mit dreißig war, und die, die ich mit vierzig war. Vielleicht ist das überhaupt etwas ziemlich Besonderes an alten Freundschaften. Manche Menschen kennen nämlich nicht nur unser Leben. Sie bewahren Versionen von uns auf, die wir selbst längst vergessen haben.

Und irgendwann während dieser zweieinhalb Wochen dachte ich einen Satz, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Mein Herz war zu Hause.

Vielleicht habe ich Deutschland in den vergangenen Jahren manchmal ein bisschen zu sehr mit dem Leben verwechselt, aus dem ich weggegangen war. Mit Überforderung. Mit Kampf. Mit Dingen, die damals zu schwierig gewesen waren. Und Korea war dann eben das Gegenteil davon. Freiheit. Abenteuer. Neues. Aber Deutschland bestand plötzlich nicht mehr hauptsächlich aus dem Negativen, das ich dort vermeindlich zurückgelassen hatte. Es bestand aus Menschen.

Und besonders deutlich wurde mir das bei meinen Kindern. Meine jüngere Tochter war während meiner Zeit in Korea umgezogen. Ich hatte Fotos gesehen, Nachrichten bekommen, Geschichten gehört. Aber ich war eben nicht dabei gewesen. Das hatte mich mehr beschäftigt, als ich wahrscheinlich zugeben wollte. Ich wäre gerne die Mutter gewesen, die beim Renovieren hilft, Kisten trägt, irgendwo Farbe von einer Fußleiste kratzt und am Ende völlig fertig Pizza auf dem Fußboden isst. Stattdessen war ich achttausend Kilometer entfernt.

Als ich sie besuchte, war ich wegen meines Jetlags morgens gegen fünf Uhr wach. Ihr Balkon war noch voller Sägespäne und Baustellendreck. Also stand ich morgens um fünf auf diesem Balkon und putzte. Ich fegte, wischte, räumte und machte ihn so weit fertig, dass wir später dort frühstücken konnten. Es war nichts Großes, ich weiß. Niemand braucht mit über zwanzig seine Mutter, damit sie einen Balkon putzt. Aber ich glaube, darum ging es auch gar nicht. Ich konnte etwas tun. Ich war da. Ich konnte einkaufen gehen, Essen bezahlen, helfen, Dinge erledigen. Einfach ein paar von diesen kleinen Mama-Sachen machen, die aus achttausend Kilometern Entfernung eben nicht gehen. Vielleicht habe ich Deutschland in diesem Sommer ausgerechnet morgens um fünf auf einem dreckigen Balkon wiedergefunden.

Auch meine andere Tochter war während meiner Zeit in Korea umgezogen, nach Köln. Also fuhr ich zu ihr, schlief in ihrer Wohnung, besuchte sie bei der Arbeit und lernte ein Stück von ihrem Leben kennen, das bis dahin hauptsächlich aus Erzählungen und Fotos bestanden hatte. Und plötzlich war ich wieder mittendrin. Nicht weil meine erwachsenen Kinder mich brauchen. Sondern weil ich Teil ihres Lebens sein kann. Das ist, finde ich, schon etwas anderes.

Vielleicht hatte ich in Korea tatsächlich Flügel bekommen. Aber in Deutschland habe ich gemerkt, dass meine Wurzeln eben auch noch da sind. Und eigentlich mag ich dieses Bild nicht einmal besonders. Wurzeln und Flügel klingt, ehrlich gesagt, ein bisschen nach Spruch auf einer Postkarte. Vielleicht wachsen Wurzeln sowieso nicht in der Erde. Vielleicht wachsen sie eher zwischen Menschen.

Jetzt beginnt mein viertes und voraussichtlich letztes Jahr in Seoul. Und ich möchte es wirklich genießen. Ich möchte noch einmal alles aufsaugen, was ich an Korea liebe. Die Berge. Das Essen. Die verrückten kleinen Cafés. Die Nächte, in denen Seoul offenbar beschlossen hat, einfach nicht schlafen zu gehen. Meine Freunde hier. Meine Arbeit. Die Sprache. Dieses ganze, manchmal vollkommen absurde, anstrengende und wunderbare Leben, das ich mir auf der anderen Seite der Welt aufgebaut habe.

Aber etwas hat sich trotzdem verändert. Zum ersten Mal macht mich der Gedanke, danach nach Deutschland zurückzugehen, nicht traurig. Im Gegenteil. Ich freue mich darauf, ehrlich gesagt. Auf Leipzig. Auf meine Kinder. Auf meine Freunde. Auf den Auwald. Darauf, wieder näher an meiner Familie zu sein und an den Menschen, mit denen mich ein halbes Leben verbindet.

Als ich vor drei Jahren nach Seoul geflogen bin, bin ich im Grunde auch ein bisschen aus Deutschland weggeflogen. Diesmal nicht. Diesmal bin ich noch einmal nach Korea zurückgekehrt. Und es fühlt sich ziemlich gut an, zu wissen, wohin ich danach gehöre.

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