Korea ist, wenn es um Frauen, Männer und Beziehungen geht, ehrlich gesagt eines der spannendsten Länder, die ich kenne. Und ich glaube, das liegt gerade daran, dass hier Dinge nebeneinander existieren, die aus meiner deutschen Perspektive eigentlich gar nicht zusammenpassen sollten und es trotzdem irgendwie tun.
Seoul ist eine der modernsten Städte überhaupt, so viel steht fest. Frauen studieren, machen Karriere, reisen ganz selbstverständlich allein um die Welt und führen ihr Leben so, wie sie es eben führen wollen. Und gleichzeitig, und das ist das Verrückte daran, begegnen mir auch nach drei Jahren hier immer noch Vorstellungen von Ehe, Partnerschaft und Geschlechterrollen, bei denen mein deutsches Ich, sagen wir mal, kurz innehält und zweimal hinschaut. Ich will gar nicht so tun, als könnte ich nach drei Jahren erklären, wie „die koreanischen Männer“ oder „die koreanischen Frauen“ nun mal sind, so ein Prototyp gibt es ja gar nicht. Ich kann nur wiedergeben, was ich sehe, was mir erzählt wird und was mir im Alltag immer wieder über den Weg läuft. Und manches davon ist, sagen wir es vorsichtig, erstaunlich traditionell.
Das klassische Bild vom Mann als Versorger und der Frau, die sich um Kinder, Haushalt und, das muss man dazu sagen, nicht selten auch ziemlich umfassend um ihren Mann kümmert, ist hier noch viel präsenter, als ich es aus meinem Umfeld in Deutschland kenne. Manchmal denke ich mir dann, ein bisschen gemein vielleicht: Gesucht wird eigentlich gar nicht so sehr eine Ehefrau, sondern eher eine zweite Mama. Nur eben im Gewand einer Ehefrau.
Dabei tut sich in Korea einiges. 2024 fanden laut der offiziellen Social Survey von Statistics Korea immerhin 68,9 Prozent der Befragten, dass Hausarbeit zwischen einem Paar gleich aufgeteilt werden sollte. Klingt erstmal gut. Nur sagten eben doch nur 23,3 Prozent der Ehefrauen, dass die Hausarbeit bei ihnen tatsächlich gleich verteilt sei. Im Kopf ist die Gleichberechtigung also, könnte man sagen, schon ziemlich weit angekommen. Im Wäschekorb eher noch nicht so richtig. Auch die OECD beschreibt das sogenannte male breadwinner – female carer model, also im Grunde den Mann als Ernährer und die Frau als Hauptverantwortliche für Familie und Care-Arbeit, für Korea nach wie vor als besonders stark ausgeprägt.
Mir begegnet zum Beispiel immer wieder dieser eine Satz, bei dem mittlerweile eigentlich jedes Mal etwas in mir zusammenzuckt: „Aber du bist eine Frau.“ Damit lässt sich, wie sich herausstellt, erstaunlich viel erklären. Was eine Frau tun sollte. Was sie besser lässt. Was sich für sie gehört und was eben nicht. Die männliche Variante gibt es natürlich auch: „Ich bin ein koreanischer Mann.“ Auch damit, so scheint es, lässt sich einiges begründen, zum Beispiel, warum ein einmal erledigter Abwasch schon eine ziemlich große Sache ist und durchaus besondere Anerkennung verdient. Ich denke mir dann immer nur: Ja, schon, aber ein koreanischer Mann hat ja nun auch zwei vollkommen gesunde Hände.
Vielleicht ist das übrigens einer der Gründe, warum mir in Gesprächen mit koreanischen Frauen immer wieder erzählt wurde, dass manche von ihnen ganz bewusst gerne westliche Männer kennenlernen wollen. Sie verbinden damit oft die Hoffnung auf einen Partner, für den eine selbstständige, selbstbewusste Frau einfach etwas Normales ist und keine Ausnahme. Und dann, genau an dieser Stelle, wird es eigentlich erst richtig interessant. Denn dieselbe koreanische Frau, die sich gegenüber traditionellen koreanischen Erwartungen als ziemlich emanzipiert versteht, kann auf einen europäischen Mann trotzdem noch ziemlich traditionell wirken.
Fürsorge spielt, das fällt mir in den Beziehungen hier immer wieder auf, eine große Rolle. Genauso wie Aufmerksamkeit, kleine Gesten, Geschenke, Jahrestage und dieses Gefühl, vom Partner irgendwie besonders behandelt zu werden. Und dann gibt es da noch Aegyo (애교). Dieses bewusst Niedliche, Verspielte, bei dem die Stimme plötzlich ein paar Oktaven höher wird, man am Arm des Partners hängt, kleine niedliche Gesten macht und mein deutsches Frauenhirn meldet dabei, ich gebe es zu, jedes Mal aufs Neue: Systemfehler.
Ich finde das bis heute ein bisschen befremdlich. Aber irgendwann habe ich mich dann doch gefragt, warum eigentlich. Ist eine erwachsene Frau wirklich weniger selbstbestimmt, nur weil sie gerne niedlich ist? Ist die deutsche Frau, die sagt „meinen Schmuck kann ich mir auch selber kaufen“, dadurch automatisch emanzipierter? Natürlich nicht, so einfach ist das ja nicht. Interessant wird es eigentlich erst bei der Frage, ob eine Frau sich so verhalten möchte oder ob sie glaubt, sich so verhalten zu müssen. Denn eine Frau kann ihrem Partner mit Freude bekochen, sich riesig über ein teures Geschenk freuen, Aegyo machen und dabei trotzdem vollkommen selbstbestimmt sein. Und umgekehrt kann eine deutsche Frau Vollzeit arbeiten, ihr eigenes Geld verdienen, niemals im Leben Babystimme machen und trotzdem zu Hause ganz selbstverständlich den größten Teil der Kinderorganisation, des Haushalts und der ganzen emotionalen Beziehungsarbeit übernehmen.
Ich denke Emanzipation hat weniger damit zu tun, wie eine Frau lebt, als damit, ob sie tatsächlich selbst entscheiden kann, wie sie leben möchte. Gerade hier in Korea habe ich einige der selbstständigsten Frauen kennengelernt, die mir bisher überhaupt begegnet sind. Frauen, die verheiratet sind und trotzdem für mehrere Jahre in einem ganz anderen Land arbeiten, deren Partner Tausende Kilometer entfernt leben. Und ich kenne genauso Frauen, die für ihren Partner nach Korea gekommen sind, die in Deutschland ein ganzes Leben hatten, vieles davon zurückgelassen haben und hier neu angefangen haben, einfach weil der Mensch, mit dem sie leben wollten, nun mal hier lebt.
Früher, glaube ich, hätte ich ziemlich schnell gewusst, welche dieser beiden Frauen jetzt die emanzipiertere ist. Heute bin ich mir da, ganz ehrlich, überhaupt nicht mehr so sicher. Denn warum sollte die Frau, die ihrem Mann nach Korea folgt, eigentlich weniger selbstbestimmt sein als die, die allein hierherkommt? Wenn sie genau dort sein möchte, dann ist das doch auch ihre Entscheidung, oder nicht? Vielleicht erkennt man Selbstbestimmung gar nicht daran, wohin eine Frau geht, sondern eher daran, ob sie selbst entscheiden durfte, warum sie geht und ob sie später auch wieder anders entscheiden darf, falls sie das möchte.
Gleichzeitig führt Korea gerade eine sehr viel grundsätzlichere Diskussion darüber, ob Frauen Ehe und Familie überhaupt noch wollen. Eine besonders radikale Antwort darauf ist die sogenannte 4B-Bewegung. Die vier Begriffe bihon, bichulsan, biyeonae und bisekseu stehen, kurz zusammengefasst, für die Ablehnung heterosexueller Ehe, des Kinderbekommens, romantischer Beziehungen mit Männern und sexueller Beziehungen mit Männern. 4B ist allerdings weder „die koreanische Frauenbewegung“ schlechthin noch eine ausreichende Erklärung dafür, warum in Korea gerade so wenige Kinder geboren werden. Die Ursachen liegen, wie so oft, deutlich tiefer.
Koreanische Frauen haben heute sehr viel mehr Bildungs- und Berufsmöglichkeiten als frühere Generationen, treffen aber gleichzeitig auf lange, unflexible Arbeitszeiten, einen großen Gender Pay Gap und immer noch ziemlich ungleich verteilte Familien- und Sorgearbeit. Gerade Mutterschaft kann dadurch erhebliche Auswirkungen auf Erwerbsbiografie und Einkommen haben. Das ergibt, wenn man so will, eine ziemlich explosive Mischung: Frauen haben heute wesentlich mehr Möglichkeiten. Aber Familie kostet sie teilweise immer noch sehr viel mehr davon als Männer. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, warum diese Frauen keine Männer, keine Ehe und keine Kinder wollen, und stattdessen öfter fragen, was eine Gesellschaft eigentlich anbieten müsste, damit Frauen sich freiwillig dafür entscheiden.
Und trotzdem ist mir mittlerweile auch die radikale Gegenbewegung irgendwie zu einfach gestrickt. Denn wenn die traditionelle Botschaft lautet: Wenn du ihn wirklich liebst, dann folgst du ihm, und die emanzipatorische Antwort darauf lautet: Follow your dreams, not your boyfriend, dann haben wir zwar, wenn man ehrlich ist, die Richtung gewechselt. Aber das Entweder-oder, das haben wir uns trotzdem behalten.
Mich beschäftigt das Ganze auch deshalb so sehr, weil Korea mein eigenes Verständnis von Selbstbestimmung ziemlich gehörig durcheinandergebracht hat. Als ich hierherkam, hätte ich mich selbstverständlich als emanzipierte Frau bezeichnet, und ehrlich gesagt zu Recht: Ich hatte einen Beruf, mein eigenes Geld, zwei erwachsene Kinder, war seit Jahrzehnten verheiratet, bin gereist und habe meine Entscheidungen im Grunde immer selbst getroffen. Mein Mann war auch, das muss ich fairerweise sagen, kein Patriarch, der von mir erwartet hätte, dass ich zu Hause seine Hemden bügle. Ganz im Gegenteil sogar, ich hatte ziemlich viele Freiheiten.
Und dennoch habe ich erst hier, in Korea, so richtig verstanden, dass Freiheit und Autonomie nicht ganz dasselbe sind. Plötzlich gehörte mein Alltag ausschließlich mir. Ich musste mit niemandem abstimmen, was wir am Wochenende machen. Niemand musste meine Idee gut finden. Niemand hatte eine Meinung dazu, ob etwas vernünftig war oder nicht. Ich konnte morgens aufwachen und einfach entscheiden, heute auf einen Berg zu steigen, irgendwohin zu fahren oder, warum nicht, auch mal gar nichts zu tun. Ich hatte vorher schon Freiheit gehabt, keine Frage. Aber so viel Raum wie hier hatte ich noch nie gehabt. Und diesen Raum wollte ich, das gebe ich zu, nicht sofort wieder hergeben.
Das wurde von außen allerdings nicht immer als Entscheidung für Korea gelesen. Es wurde eben auch als Entscheidung gegen einen Menschen verstanden. Vor ein paar Tagen erst sagte ein Mann zu mir, halb scherzhaft, sinngemäß: Wenn man freiwillig drei Jahre lang in einem anderen Land lebt, dann könne man seinen Mann ja wohl nicht so wahnsinnig vermisst haben, denn wenn er seine Frau vermissen würde, wäre er schließlich lieber bei ihr.
Ich habe gelacht. Aber nicht, weil ich es lustig fand, sondern eher dieses kleine, höfliche oder auch peinlich berührte Lachen, das vermutlich ziemlich viele Frauen kennen. Dieses Lachen, das rauskommt, wenn ein Mann einen ziemlich blöden Witz gemacht hat und man irgendwann einfach gelernt hat, dass genau jetzt wohl die Stelle ist, an der man lachen soll. Danach ist mir dieser Satz trotzdem hängengeblieben. Denn er enthält eine Schlussfolgerung, die offenbar so selbstverständlich erscheint, dass man locker einen Spruch daraus machen kann: Wenn ich meinen Mann wirklich geliebt hätte, dann hätte ich eben nicht drei Jahre lang auf einem anderen Kontinent leben wollen.
Wie sehr kann man einen Menschen also eigentlich lieben, wenn man gleichzeitig freiwillig Tausende Kilometer von ihm entfernt lebt? Ich glaube, genau an dieser Frage stimmt für mich irgendetwas nicht ganz. Denn warum bedeutet „Ich möchte in Korea bleiben“ eigentlich automatisch „Ich möchte nicht bei dir sein“?
Natürlich hat meine Entscheidung Auswirkungen auf den Menschen, mit dem ich verbunden bin, das will ich gar nicht kleinreden. Selbstbestimmung bedeutet ja nicht, dass meine Entscheidungen nur mich alleine betreffen. Menschen dürfen darunter leiden. Sie dürfen andere Bedürfnisse haben. Sie dürfen sagen: So möchte ich keine Beziehung führen. Freiheit macht uns eben nicht automatisch frei von der Verantwortung für ihre Konsequenzen. Aber trotzdem frage ich mich: Warum muss die Stärke meiner Liebe eigentlich daran messbar sein, wie viel von meinem eigenen Leben ich bereit bin, für sie aufzugeben? Und vielleicht trifft diese Vorstellung Frauen, so mein Eindruck, noch immer ein kleines bisschen stärker als Männer.
Denn wenn die Frau, die ihrem Mann beruflich folgt, ihn liebt, liebt die Frau, die lieber dort bleibt, wo sie selbst gerade sein möchte, ihn deswegen weniger? Vielleicht sind das aber auch schlicht die falschen Fragen.
Es gibt einen Gedanken, den ich vor kurzen gehört habe und gut, wenn auch unvollständig finde: Finde heraus, welcher Mensch du sein möchtest. Finde heraus, welchen Menschen du an deiner Seite haben möchtest. Und bleib dir selbst treu dabei. Nur würde ich noch etwas hinzufügen: Was passiert eigentlich, wenn ich den richtigen Menschen gefunden habe und zehn oder zwanzig Jahre später nicht mehr dieselbe Frau bin, die ihn damals gefunden hat? Wir reden ja andauernd darüber, den richtigen Partner zu finden. Aber vielleicht besteht die eigentlich schwierigere Aufgabe darin, miteinander leben zu können, während sich beide, jeder für sich, ständig weiterverändern.
Manche Menschen erleben Freiheit vor allem durch Klarheit: Wir haben uns entschieden, wir gehören zusammen, wir kennen unsere Werte und unsere Regeln, und genau diese Verbindlichkeit ist es, die ihnen Sicherheit gibt. Andere wiederum brauchen eher mehr Offenheit, das Gefühl, dass eine Beziehung sich verändern darf, wenn die Menschen darin sich verändern. Beides kann funktionieren. Beides kann genauso scheitern. Und niemand ist verpflichtet, jede Veränderung des anderen einfach mitzumachen, nur weil man zusammen ist.
Vielleicht besteht Augenhöhe ja gerade darin: Zwei Menschen bleiben Subjekte. Keiner besitzt den anderen. Aber, und das wird gerne vergessen, keiner besitzt auch die Zustimmung des anderen. Die muss man sich schon jedes Mal neu erarbeiten und viel wichtiger, auch ehrlich kommunizieren.
Für mich ist Emanzipation deshalb inzwischen weder „ich brauche keinen Mann“ noch „ich mache, was ich will“, und auch „Follow your dreams, not your boyfriend“ ist mir mittlerweile, ganz ehrlich, zu wenig. Denn ich möchte mich eigentlich gar nicht zwischen beidem entscheiden müssen, warum auch. Vielleicht lautet die interessantere Frage einfach: Wie muss eine Beziehung aussehen, damit zwei Menschen darin größer werden können, ohne dass einer dafür kleiner werden muss, damit es überhaupt funktioniert?
Korea hat mir darauf, so viel muss ich zugeben, keine Antwort gegeben. Aber dieses Land hat mir immerhin die Frage gestellt, und das ist ja auch schon etwas. Ausgerechnet hier, in einer Gesellschaft, in der mir traditionelle Geschlechterrollen manchmal viel deutlicher begegnen als zu Hause, habe ich angefangen, meine eigene Vorstellung von weiblicher Selbstbestimmung noch mal ganz neu anzuschauen.
Ich möchte keinen Menschen, der mir Freiheit gibt. Denn in diesem Wort steckt ja schon drin, dass sie eigentlich ihm gehört. Ich möchte aber auch kein Leben, in dem Freiheit bedeutet, dass alles immer offenbleiben muss und niemand so richtig Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt. Ich möchte Freiheit und Verbindlichkeit. Nähe und trotzdem eigenen Raum. Lieben und dabei trotzdem eine eigenständige Person bleiben.
Vielleicht habe ich meinen Mann tatsächlich nicht so vermisst, wie andere Menschen sich das vielleicht vorstellen, wenn sie an Liebe denken. Aber vielleicht lag das auch daran, dass ich in Korea gerade jemanden wiedergefunden hatte, den ich sehr lange vermisst hatte: mich selbst.
Und vielleicht war deshalb schon die Frage falsch. Denn wie sehr ich ihn vermisst habe oder nicht, sagt am Ende gar nicht unbedingt etwas darüber aus, wie sehr ich ihn geliebt habe. Denn das habe ich. Aus vollstem Herzen.
Es sagt vielmehr etwas darüber aus, wie sehr ich mich selbst verloren hatte.
Eure Nine
Zum Weiterlesen
Für die Zahlen zur Aufteilung der Hausarbeit habe ich die Social Survey 2024 von Statistics Korea verwendet.
Einen guten Überblick über den Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen, Arbeitswelt, Familie und niedriger Geburtenrate bietet der OECD-Bericht Korea’s Unborn Future: Understanding Low-Fertility Trends.
Zur 4B-Bewegung ist der wissenschaftliche Artikel von Jieun Lee und Euisol Jeong, The 4B movement: envisioning a feminist future with/in a non-reproductive future in Korea, eine gute Ausgangsquelle.


Hinterlasse einen Kommentar