Seoul, später Abend. Ich sitze auf meiner Lieblingsbank am Han-Fluss, die Skyline blinkt auf der anderen Seite. Um mich herum funkelt alles und es kommt dieser Gedanke wieder hoch, der mich seit Wochen begleitet:
Was entscheidet eigentlich darüber, ob wir einen Rückschlag als Scheitern oder als Neuanfang erleben?
Manchmal habe ich das Gefühl, ich stehe wieder ganz unten am Berg. Nicht, weil ich nichts erreicht hätte im Gegenteil. Ich habe eine Familie aufgebaut, eine Ehe geführt, einen Beruf gefunden, Freundschaften geschlossen und mich immer wieder neu erfunden. Und trotzdem stehe ich heute hier und habe oft das Gefühl, wieder von vorne anfangen zu müssen. Mit 46. Ein seltsames Alter für einen Neuanfang: zu jung, um aufzugeben, zu alt, um noch naiv zu glauben, dass alles von selbst gut wird.
In den nunmehr drei Jahren Korea ist mir hier eine Sache immer wieder aufgefallen: Korea scheint keine Angst davor zu haben, neu anzufangen. Dieses Land hat sich selbst mehrfach neu erfunden. Vor wenigen Jahrzehnten noch eines der ärmsten Länder der Welt, vom Krieg gezeichnet und weit entfernt von dem, was wir heute kennen und trotzdem entstand daraus innerhalb weniger Jahrzehnte eines der größten Wirtschaftswunder unserer Zeit. Heute zieht Korea mit K-Pop, K-Dramen und seiner Kultur Menschen aus aller Welt an.
Aber nicht nur das Land selbst hat sich immer wieder neu erfunden, man spürt diese Haltung auch im Alltag. Menschen eröffnen ein Café. Es funktioniert nicht. Also versuchen sie etwas anderes: ein Restaurant, einen Onlineshop, einen kleinen Laden. Manchmal scheitert auch das. Dann beginnen sie wieder von vorne. Dabei mache ich mir nichts vor: Scheitern ist hier kein leichtes Thema. Der gesellschaftliche Druck ist enorm, Ansehen und Gesicht zu wahren zählen viel, und Rückschläge werden oft sehr persönlich genommen. Vielleicht schmerzt Scheitern hier sogar mehr als anderswo. Und trotzdem beeindruckt mich etwas anderes: die schiere Hartnäckigkeit, mit der Menschen hier weitermachen, obwohl das Umfeld so unversöhnlich sein kann. Nicht, weil das Scheitern leichter wiegt, sondern weil das Aufstehen offenbar wichtiger ist als das Fallen.
Vor kurzem habe ich etwas von Albert Camus gelesen. Er beschreibt die Figur des Sisyphus, einen Mann, der dazu verurteilt ist, einen Felsen einen Berg hinaufzurollen. Kurz bevor er oben ankommt, rollt der Stein wieder zurück ins Tal. Immer wieder, sein ganzes Leben lang. Und trotzdem schreibt Camus einen Satz, der mich nicht mehr loslässt: „Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: Was für ein Unsinn. Wer freut sich darüber, wieder bei Null anzufangen? Wer freut sich darüber, etwas aufzubauen und es wieder zu verlieren? Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, was Camus meint. Es geht gar nicht darum, ob der Stein fällt. Er fällt immer. Genau das ist das Leben.
Wir bauen Beziehungen auf. Manchmal zerbrechen sie. Wir machen Pläne. Manchmal ändern sie sich. Wir erschaffen ein Zuhause. Manchmal verlieren wir es. Wir entwerfen Vorstellungen von unserer Zukunft. Und irgendwann merken wir, dass das Leben etwas ganz anderes vorhatte. Während Camus sagt: Akzeptiere, dass der Stein immer wieder fällt, gibt es in Korea ein Sprichwort: 칠전팔기. Siebenmal hinfallen, achtmal wieder aufstehen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass beide eigentlich über dasselbe sprechen. Das Leben wird uns immer wieder zurück an den Fuß des Berges bringen. Der Unterschied liegt nur in der Antwort darauf. Camus sagt: Das Fallen des Steins gehört zum Leben. Korea sagt: Dann heb ihn wieder auf.
Und genau dazwischen sitze ich gerade. In Seoul. Mit meinem eigenen Stein vor mir. Meine Ehe ist zerbrochen. Meine Vorstellungen von Zukunft haben sich verändert. Ich weiß nicht, in welchem Land ich in zwei Jahren leben werde. Ich weiß nicht, welches Leben ich als Nächstes aufbauen möchte. Mein Stein liegt gerade unten. Und zum ersten Mal frage ich mich nicht mehr nur, warum er gefallen ist. Ich frage mich vielmehr, auf welchen Berg ich ihn als Nächstes rollen möchte.


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