Nun bin ich bereits seit drei Jahren in Korea. Ich habe dabei unglaublich viel über das Land aber auch über mich erfahren.
Manche dieser Erkenntnisse kamen durch große Ereignisse. Andere durch ganz alltägliche Beobachtungen. Durch Dinge, die ich zunächst kaum wahrgenommen habe und die mir erst mit der Zeit aufgefallen sind.
Eine dieser Erkenntnisse hat mit Vertrauen zu tun.
Korea hat mich gelehrt, dass Vertrauen vielschichtiger ist, als ich früher dachte. Vertrauen kann auf Gemeinschaft, Kultur, Regeln, Erfahrungen, Glauben oder Beziehungen aller Art beruhen.
Als ich hierherkam, gab es diese kleinen Dinge, die mich wirklich fasziniert haben. Menschen lassen im Café einfach ihr Handy oder ihren Laptop auf dem Tisch liegen und gehen kurz zur Toilette. So wie Deutsche ihre Liege am Strand mit einem Handtuch reservieren, reservieren Koreaner ihren Platz im Restaurant oder Café mit einer Handtasche, einem Mobiltelefon oder sogar ihrer EC-Karte auf dem Tisch. Pakete werden nicht beim Nachbarn abgegeben, sondern stehen stundenlang unbeaufsichtigt vor Haustüren oder Geschäften. Manche Läden decken ihre Ware im Außenbereich am Abend einfach nur mit einem Tuch ab.
Als Deutsche wirkt das erst einmal fast absurd. Denn seien wir ehrlich: In Deutschland würde man in vielen Situationen nicht einmal seine Jacke sorglos irgendwo liegen lassen. Hier scheint ein Grundvertrauen zu existieren, das mich bis heute beeindruckt. Gleichzeitig ist Korea eines der am stärksten überwachten Länder, die ich je erlebt habe. Überall Kameras. In U-Bahnen, auf Straßen, vor Gebäuden, an Kreuzungen und sogar im Fahrstuhl.
Und genau da wurde es für mich interessant. Denn worauf basiert dieses Vertrauen eigentlich? Vertraut man hier wirklich dem einzelnen Menschen? Oder eher der Kultur? Dem starken Wir-Gefühl? Den sozialen Regeln? Dem Gedanken, dass man sich als Teil einer Gemeinschaft einfach nicht so verhält? Oder vielleicht doch dem Umstand, dass überall Kameras hängen und Abweichung sichtbar wird?
Ich glaube, es ist von allem ein bisschen. Vertrauen ist vielleicht gar nicht so romantisch, wie wir manchmal denken. Manchmal braucht Vertrauen einen Rahmen. Und manchmal eine gemeinsame Überzeugung.
Genau deshalb musste ich über einen Satz nachdenken, den ich kürzlich gehört habe: „Vertrauen muss man sich verdienen.“ Und ich habe sofort gemerkt, wie sehr sich in mir etwas dagegen sträubt.
Nicht, weil ich nicht wüsste, wie es ist, verletzt zu werden. Im Gegenteil. Ich wurde verletzt. Von Menschen, denen ich vertraut habe. Von Menschen, die ich geliebt habe. Von Menschen, bei denen ich dachte, sie würden bleiben. Freunde. Partner. Menschen, bei denen ich sicher war.
Und natürlich verändert das etwas. Ich höre heute anders hin und nehme Dinge wahr, die ich früher vielleicht übersehen hätte. Ich bin nicht mehr ganz so naiv wie früher.
Dennoch möchte ich nicht in einer Welt leben, in der mein Grundzustand Misstrauen ist. Ich möchte nicht jedem neuen Menschen begegnen, als müsste er sich erst einmal vom Verdacht freisprechen. Denn nicht jeder neue Mensch sollte für die Verletzungen der Vergangenheit bezahlen.
Dieser Gedanke fühlt sich für mich falsch an. Denn was verlangen wir da eigentlich voneinander? Dass jemand, der uns noch nie etwas getan hat, erst einmal Beweise liefern muss? Sich korrekt verhalten muss? Unsere Tests bestehen muss? Unsere Unsicherheit beruhigen muss? Für etwas, das er nie verursacht hat?
Das fühlt sich für mich nicht nach Vertrauen an. Das fühlt sich für mich nach Angst an.
Ja, Vertrauen ist riskant. Menschen können lügen. Sie können gehen. Sie können sich gegen dich entscheiden. Sie können dich tief verletzen. Aber ganz ehrlich? Misstrauen verhindert das nicht. Kontrolle verhindert das nicht.
Wenn ein Mensch dich belügen will, wird er es tun. Wenn ein Mensch gehen will, wird er gehen. Wenn jemand dein Vertrauen brechen will, wirst du das nicht verhindern, nur weil du vorsichtiger, misstrauischer oder kontrollierender bist. Das Einzige, was du damit sicher verhinderst, ist Nähe.
Denn in Beziehungen gibt es keine Kameras. Keine gesellschaftliche Struktur, die alles absichert. Keine Garantie. Dort ist Vertrauen immer freiwillig. Immer verletzlich. Immer ein Risiko.
Und trotzdem heißt das nicht, alles auszuhalten. Denn Vertrauen ist nicht dasselbe wie Selbstaufgabe. Das habe ich schmerzhaft lernen müssen. Ein offenes Herz zu haben bedeutet nicht, keine Grenzen zu haben. Es bedeutet nicht, Verrat immer wieder zu entschuldigen. Es bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren. Es bedeutet nicht, alles hinzunehmen.
Und genau das ist die eigentliche Aufgabe: Offen zu bleiben, ohne blind zu sein. Zu vertrauen, ohne sich selbst aufzugeben. Menschen einen Vertrauensvorschuss zu geben, ohne ihnen sofort die Schlüssel zum eigenen inneren Haus auszuhändigen.
Denn ja, es gibt Menschen, die verletzen. Aber es gibt eben auch die anderen. Die, die bleiben. Die, die ehrlich sind. Die, die dein Leben bereichern. Die, die dich überraschen. Die, die gut sind.
Und ich finde den Gedanken traurig, aus Angst vor den wenigen die vielen auszuschließen.
Vielleicht werde ich wieder verletzt. Wer sein Herz öffnet, geht dieses Risiko nun einmal ein. Ich gehe lieber das Risiko ein, mit meinem offenen Herzen auch einmal verletzt zu werden, als in einer perfekt gesicherten Festung zu sitzen und niemanden mehr hineinzulassen.
Ist es naiv oder mutig?. Vielleicht ist es beides.
Aber es ist meine Art zu leben.
Eure Nine


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