Wenn sich die Bilder verändern

Ihr kennt doch den Film „Zurück in die Zukunft“.

Eine kleine Veränderung und plötzlich verschiebt sich alles. Auf einmal sehen die Bilder anders aus. Menschen verschwinden daraus.
Andere treten an ihre Stelle. Die Orte sind dieselben.
Die Gesichter teilweise auch.
Und trotzdem ist nichts mehr wie vorher.

So fühlt es sich für mich gerade an.

Ich glaube, eine Trennung ist nie leicht. Aber ich habe das Gefühl, dass sie hier, am anderen Ende der Welt, noch einmal eine ganz eigene Wucht bekommt. Weil so viel fehlt: Nähe, Einfachheit, ein gemeinsamer Raum. Stattdessen gibt es Distanz, Zeitverschiebung und dieses Gefühl, keinen Einfluss mehr zu haben.

Gespräche passieren nicht mehr nebenbei. Sie müssen organisiert werden oder sie finden gar nicht statt. Man kann sich nicht gegenüber sitzen, nicht in die Augen schauen, nicht spüren, was der andere wirklich meint. Alles läuft über ein Telefon, über Nachrichten.

Was mir hier am meisten fehlt, ist ein Auffangnetz. Menschen, die mich lange kennen. Die meine Geschichte kennen. Die uns kennen. Hier gibt es auch Menschen, gute Menschen. Aber sie sind neu in meinem Leben. Und ich merke, wie vorsichtig ich bin. Wie ich mich frage, wie viel ich zeigen darf. Wie viel Raum mein Schmerz einnehmen darf.

Während ich hier lebe, geht das Leben in Deutschland einfach weiter. Ohne mich. Ich bekomme nicht mit, wie sich Dinge entwickeln, sehe nicht die Zwischenschritte. Ich bekomme nur die Ergebnisse. Und die treffen mich dann plötzlich. Unvorbereitet. Heftig. Wie ein Sturm, der ohne Vorwarnung aufzieht.

Und manchmal sind es ganz konkrete Momente, die mir zeigen, wie weit weg ich wirklich bin. Situationen, in denen ich merke, dass mein Leben dort weitergeht. Nicht nur abstrakt, sondern ganz real. Mit all den kleinen und großen Dingen, die früher selbstverständlich waren. Momente, in denen ich eigentlich da gewesen wäre. Als Mutter. Als Freundin. Als Teil dieses Lebens. Und stattdessen sehe ich von hier aus zu, wie genau diese Plätze weiter gefüllt werden. Wie Dinge passieren, bei denen ich früher ganz selbstverständlich dabei gewesen wäre. Und ich merke, dass ich nichts tun kann. Nicht eingreifen. Nicht mitgestalten. Ich bin nicht da.

Mein Leben dort wartet nicht auf mich. Es ordnet sich neu. Ohne mich. Und das ist schwer auszuhalten. Nicht, weil jemand etwas falsch macht. Sondern weil ich keinen Platz mehr habe, an dem ich früher ganz selbstverständlich war.

Hier gibt es Phasen, in denen alles ruhig ist. Ich funktioniere, mache weiter und denke manchmal, ich hätte etwas verarbeitet. Bis der nächste Moment kommt und mir zeigt, dass es noch da ist. Unberührt. Unaufgelöst. Vielleicht nur verdrängt.

Ich habe Abstand. Das hilft manchmal. Aber dieser Abstand nimmt mir auch etwas. Ich kann Dinge nicht klären, nichts aktiv gestalten, nicht eingreifen. Ich kann nur reagieren. Und oft nicht einmal sofort. Das Gefühl von Hilflosigkeit hat hier eine ganz andere Qualität. Es ist leiser, aber tiefer.

Mein altes Leben entgleitet mir Stück für Stück und ich kann nichts tun, außer zuzusehen. Gleichzeitig lebe ich hier ein Leben, das selbst nicht ganz greifbar ist. Ein Leben auf Zeit. Mit einem Anfang und einem absehbaren Ende. Und irgendwo dazwischen stehe ich. Zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht oder nicht mehr da ist.

Vielleicht ist das der eigentliche Schmerz. Nicht nur die Trennung. Sondern dieses Dazwischen. Dieses Nicht-Festhalten-Können. Dieses Nicht-Eingreifen-Können. Dieses Aushalten.

Ich weiß nicht, ob es leichter wäre, näher dran zu sein. Vielleicht wäre es nur anders schwer. Aber ich weiß, dass diese Form von Distanz etwas mit mir macht. Sie zwingt mich, Dinge auszuhalten, die ich früher versucht hätte zu lösen.

Und vielleicht ist genau das gerade meine Aufgabe: bei mir zu bleiben, wenn ich im Außen nichts tun kann. Mich nicht zu verlieren, während sich um mich herum alles verändert.

Eure Nine

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