Was bleibt, wenn wir gehen

Uns gibt es nicht mehr….

So fängt nach langer Zeit nun mein Blogeintrag an. Benjamin und Nine sind nur noch Geschichte. Einige, die uns sehr gut kennen, denken sicherlich: Das war doch absehbar. Andere hätten nie damit gerechnet.

Wir haben beide hart um uns gekämpft. Keiner von uns hat es sich leicht gemacht. Wir haben aneinander festgehalten, so lange wir konnten. Wir sind dafür auch ungewöhnliche Wege gegangen.
Wir haben über 23 Jahre alles gemeinsam überstanden, aber am Ende hat es wohl nicht mehr gereicht.
Und mir das einzugestehen, ist mir lange schwergefallen.

Leider konnte ich Benjamin nicht mehr die Sicherheit bieten, die er sich gewünscht und benötigt hat, und er konnte mir nicht mehr das Leben anbieten, welches ich mir aktuell wünsche und brauche.
Und das auszusprechen fällt mir nicht leicht, weil es sich immer noch wie ein Scheitern anfühlt, auch wenn ich gleichzeitig weiß, dass es mehr ist als das.
Und vielleicht hätte auch er mir Dinge geben müssen, die er nicht mehr geben konnte.

Ich bin damals nach Korea gegangen, weil das Leben in Deutschland mich verschlungen hatte. Es war eine Flucht, weil ich nicht mehr weiterwusste. Ich bin gegangen, um mich zu retten.
Ein Teil von mir wusste damals schon, dass diese Entscheidung uns verändern würde, aber ich habe gehofft, dass wir stark genug sind, das auszuhalten.

Ich habe vieles dazugewonnen. Ich habe viel über mich gelernt, Menschen kennengelernt, mich in eine völlig andere Kultur eingelebt und meinen Horizont erweitert.
Ich habe viel gewonnen, aber leider auch etwas sehr Wertvolles verloren.

Nennt mich naiv, aber ich habe daran geglaubt, dass wir beide unerschütterlich seien. Ich habe geglaubt, solange wir zusammenhalten, kann uns nichts passieren. Ich habe geglaubt, wir hätten etwas Einzigartiges und Kostbares kreiert. Ich habe geglaubt, ich könnte meine Familie beschützen.
Und für ganze zwei Jahre hat es sich auch genau so angefühlt.

Aber am Ende war es leider für einen von uns zu wenig.
Und auch wenn es für mich die härteste Erkenntnis meines Lebens ist, so kann ich es trotzdem sehr gut verstehen.
Verstehen heißt nicht, dass es nicht weh tut. Es heißt nur, dass ich aufhöre, dagegen anzukämpfen.

Es ist nicht die Zeit, die bindet, sondern Sicherheit und gemeinsame Entscheidungen.
Und die konnte ich Benjamin nicht mehr geben.

Nach Deutschland zurückzugehen hat sich für mich so falsch angefühlt. Ich hatte das Gefühl, noch nicht so weit zu sein. Als ob ich meine Aufgabe, meine Challenge noch nicht bewältigt hätte. Deutschland und das Leben dort haben mir Angst gemacht.

So müssen wir also jeder unseren eigenen Weg gehen, da wir keinen gemeinsamen Weg gefunden haben, der uns beide glücklich und zufrieden gemacht hat.
Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ein gemeinsamer Weg nicht automatisch der richtige ist, nur weil er einmal unser Weg war.

Wie meine Zukunft jetzt aussieht, ist ungewiss.
Ich habe eigentlich keinen wirklichen Grund mehr, wieder zurückzukommen. Meine beiden wundervollen Töchter sind erwachsen und führen ihre eigenen Leben. Wir sind enger verbunden als je zuvor, und ich bin ein intensiver Teil ihres Lebens, genauso wie sie meines.
Die Entfernung ist hier kaum ein Hindernis. Vielleicht ist sie in manchen Momenten sogar ein Vorteil.

Meine wertvollen Freunde sind auch aus der Entfernung immer für mich da, und auch meine Familie steht hinter mir. Wenn man es so betrachtet, bin ich ein glücklicher Mensch, der sehr geliebt wird.
Und vielleicht ist genau das gerade mein größter Halt.

Hier in Korea habe ich eine wunderschöne Wohnung, Menschen, die mir viel bedeuten, und einen Job, der mir viel Freude bereitet und mir noch für ein paar Jahre eine Perspektive bietet.
Was danach kommt, weiß ich nicht.

Macht mir diese Ungewissheit Angst? Ja, wie verrückt.
Ich habe meinen Anker verloren und fühle mich wie ein manövrierunfähiges Schiff auf hoher See.
Und manchmal fühlt es sich nicht nur nach Freiheit an, sondern auch nach Orientierungslosigkeit und Einsamkeit.

Aber vielleicht geht es jetzt genau darum, dass ich lerne, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.

Ich werde die Zeit, die ich hier habe, voll ausnutzen und schauen, was die Zukunft bringt. In den letzten zwei Jahren ist so viel passiert, es könnte ein ganzes Buch füllen. Wer weiß, was in den nächsten zwei oder drei Jahren passieren wird.

Vielleicht liegt meine Zukunft ja hier in Korea, oder doch in Deutschland oder sogar in einem ganz anderen Land.

Ich werde mir weiterhin treu bleiben und meinem Herzen folgen.
Und auch wenn ich dabei manchmal verliere, werde ich immer wieder etwas gewinnen.

Ich hätte mir gewünscht, dass unsere Geschichte anders endet. Aber ich akzeptiere, dass sie genau so zu Ende gegangen ist.

Benjamin und ich werden durch unsere Töchter und die wunderschönen gemeinsamen Jahre immer eng verbunden bleiben, wenn auch anders, als wir es uns einmal gewünscht hatten.
Und vielleicht ist genau das der schwerste, aber auch ehrlichste Teil daran, loszulassen, ohne das, was war, klein zu machen.

Eure Nine

Eine Antwort zu „Was bleibt, wenn wir gehen“

  1. ach Nine 😭

    Das hast du sehr schön geschrieben.

    fühl dich ganz doll gedrückt.

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